„Ich kann das nicht!“ – Wie Impro Kindern hilft, sich mehr zuzutrauen
„Das kann ich nicht.“ Diesen Satz kennen wahrscheinlich fast alle Lehrkräfte. Ein Kind soll vorlesen. Es soll etwas erzählen. Es soll eine Idee äußern. Es soll vor der Gruppe sprechen. Und sofort kommt die Unsicherheit. Vielleicht ist die Antwort falsch. Vielleicht lachen die anderen. Vielleicht fällt mir nichts ein. Improvisation kann hier einen interessanten Gegenpol schaffen: Sie gibt Kindern Situationen, in denen sie nicht zuerst perfekt sein müssen, um anfangen zu dürfen.
Mut kommt nicht vor dem Ausprobieren
Oft warten wir darauf, dass ein Kind selbstbewusst genug ist, um sich zu beteiligen. Beim Improvisieren funktioniert es eher andersherum. Das Kind beteiligt sich in einem kleinen, sicheren Rahmen – und erlebt dadurch: Ich kann das. Vielleicht ist es zunächst nur eine Bewegung im Kreis. Dann ein Name. Dann ein Wort. Dann eine spontane Antwort. Die Schritte sind klein. Aber genau das ist wichtig. Kinder müssen nicht plötzlich vor der ganzen Klasse eine fünfminütige Szene spielen. Sie dürfen zunächst erleben, dass ihr eigener Impuls angenommen wird.
Sicherheit vor Kreativität
Ein zentraler Gedanke meiner Arbeit mit Impro im Unterricht ist deshalb: Impro beginnt nicht mit Kreativität, sondern mit Erlaubnis. Kinder brauchen die Erlaubnis, etwas auszuprobieren, ohne sofort bewertet zu werden. Wenn jede Antwort darauf geprüft wird, ob sie richtig oder falsch ist, lernen Kinder schnell, vorsichtig zu sein.
Sie überlegen zuerst:
Ist das richtig?
Was denkt die Lehrkraft?
Was sagen die anderen?
Im Improspiel darf zunächst eine andere Frage entstehen: Was könnte ich ausprobieren? Das verändert die Situation.
Auch ungewöhnliche Antworten dürfen Platz haben
Nehmen wir eine einfache Übung: „Nenne fünf Dinge, die rund sind.“ Die ersten Antworten kommen schnell: Ball, Teller, Sonne. Und dann? Die offensichtlichen Antworten sind aufgebraucht. Jetzt beginnt der interessante Teil. Vielleicht kommt eine ungewöhnliche Antwort. Vielleicht sogar eine, die zunächst niemand erwartet hätte. Wenn die Gruppe darauf nicht mit Lachen oder Abwertung reagiert, sondern die Idee einfach stehen lässt, erlebt das Kind etwas Wichtiges: Meine Idee darf anders sein. Diese Erfahrung ist nicht nur für Impro wertvoll. Sie kann auch in anderen Unterrichtssituationen Wirkung zeigen. Denn wer gelernt hat, dass ungewöhnliche Ideen willkommen sind, traut sich eher, auch im Unterrichtsgespräch etwas zu sagen.
Selbstvertrauen entsteht durch Erfahrung
Selbstvertrauen lässt sich schwer erklären. Du kannst einem Kind nicht einfach sagen: „Du musst mehr an dich glauben.“ Was viel stärker wirkt, sind Erfahrungen. Ein Kind macht etwas. Es funktioniert. Die Gruppe nimmt es an. Das Kind macht es wieder. Beim nächsten Mal geht es etwas leichter. Genau deshalb sind Wiederholungen so wichtig. Wenn eine Klasse regelmäßig kleine Improübungen macht, werden die Abläufe vertraut. Die Kinder wissen, dass sie nicht ausgelacht werden sollen, dass Fehler dazugehören und dass nicht jede Idee perfekt sein muss. Mit dieser Sicherheit wächst der Mut.
Und was ist mit den Kindern, die gar nicht mitmachen wollen?
Auch hier hilft ein sicherer Rahmen. Impro sollte nicht bedeuten: „Jeder muss vor allen etwas vorspielen.“ Gerade am Anfang kann es sinnvoll sein, Übungen zu wählen, bei denen alle gleichzeitig beteiligt sind. Beim Spiegeln gibt es beispielsweise keinen einzelnen Auftritt. Beim Klatschkreis muss niemand allein auf einer Bühne stehen.
Bei gemeinsamen Bewegungsübungen kann ein Kind zunächst beobachten und später einsteigen. Teilnahme darf wachsen. Das ist etwas anderes als Zwang.
Was du als Lehrkraft daraus mitnehmen kannst
Wenn du Kindern mehr Selbstvertrauen ermöglichen möchtest, musst du nicht ständig große Mutproben schaffen. Beginne klein. Gib ihnen klare Regeln. Lass ungewöhnliche Ideen zu. Bewerte nicht jede Antwort. Und wiederhole Übungen so oft, dass sie vertraut werden. Denn manchmal entsteht Selbstvertrauen nicht dadurch, dass ein Kind plötzlich mutig auf die Bühne springt. Manchmal entsteht es ganz unspektakulär: Ein Kind sagt zum ersten Mal eine Idee.
Die Klasse hört zu. Niemand lacht. Und beim nächsten Mal sagt es wieder etwas.
Genau da beginnt Veränderung.
PS. Mehr zu dem Thema findest du hier. In meinem Kurs zeige ich dir, wie du Improvisationstheater ganz einfach in deinen Unterricht integrieren kannst – ohne Theatererfahrung und ohne großen Vorbereitungsaufwand.
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